Autonome Drohnen, unbemannte Bodenfahrzeuge und robotische Medizintechnik sollen künftig die medizinische Versorgung verwundeter Soldaten auf dem Gefechtsfeld beschleunigen und gleichzeitig Sanitätspersonal aus besonders gefährdeten Bereichen heraushalten. Das europäische Forschungsprojekt iMEDCAP hat eine solche durchgängige Evakuierungskette bei der NATO-Übung „Vigorous Warrior 2026“ in Estland erfolgreich demonstriert.
Am 12. Juni 2026 präsentierte das iMEDCAP-Konsortium im Rahmen der NATO-Übung „Vigorous Warrior 2026“ eine Drohnen Demonstration zur autonomen medizinischen Evakuierung. Dabei wurde eine vollständige Prozesskette gezeigt, die von der automatisierten Suche nach Verwundeten über deren Bergung und den bodengebundenen Transport bis hin zur medizinischen Überwachung und anschließenden Evakuierung per Luftfahrzeug reicht.
Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Versorgung von Verwundeten unter Gefechtsbedingungen, einschließlich kontaminierter Soldaten.
Die „Golden Hour“ auf dem Gefechtsfeld
Moderne Konflikte stellen die militärische Verwundetenversorgung vor erhebliche Herausforderungen. Insbesondere der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass medizinisches Personal auf dem Gefechtsfeld selbst zunehmend gefährdet ist.
Gleichzeitig bleibt die sogenannte „Golden Hour“ ein entscheidender Faktor für die Überlebenschancen schwer verwundeter Soldaten. Je schneller ein Verletzter qualifizierte medizinische Versorgung erhält, desto größer sind grundsätzlich seine Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung. Autonome Systeme könnten hier eine Lücke schließen: Sie sollen Verwundete auch dann erreichen können, wenn der Einsatz bemannter Rettungskräfte zu riskant ist.
iMEDCAP: Eine autonome Rettungskette
Das Projekt iMEDCAP steht für „development of intelligent military capabilities for monitoring, medical care and evacuation for contagious, injured and contaminated personnel“. Es wird im Rahmen des Europäischen Verteidigungsfonds (EDF) gefördert und seit 2023 unter der Leitung der Technischen Universität München (TUM) umgesetzt.
An dem Projekt sind 24 Partner aus neun europäischen Ländern beteiligt. Das Konsortium vereint unter anderem Kompetenzen aus den Bereichen Drohnentechnik, Robotik, Sensorik, Datenverarbeitung, Softwareentwicklung, Fahrzeugtechnik und Militärmedizin. Das Ziel ist eine möglichst durchgängige Automatisierung der medizinischen Evakuierung.
Phase 1: Automatisierte Suche und Ortung
Am Anfang der Rettungskette steht ein Aufklärungsdrohne mit Wärmebildtechnik. Sie sucht autonom nach verwundeten Personen. Anschließend kommt eine zweite Drohne zum Einsatz. Sie verfügt über hochpräzise Millimeterwellen-Radartechnik und kann damit die Atmung einer entdeckten Person feststellen. Auf diese Weise soll überprüft werden, ob der Verwundete noch lebt.
Phase 2: Unbemannte Bodenbergung
Nach der Lokalisierung übernimmt ein unbemanntes Bodenfahrzeug vom Typ THeMIS die weitere Bergung. Das Fahrzeug ist mit einem speziellen iMEDCAP-Autonomie-Kit ausgestattet. Dieses umfasst unter anderem zwei LiDAR-Sensoren, eine inertiale Messeinheit, Satellitennavigationsantennen sowie fortgeschrittene Navigationsalgorithmen.
Das System kann seine Route während des Einsatzes dynamisch anpassen und dabei aktuelle Aufklärungsdaten berücksichtigen. Eine zentrale Fähigkeit ist die Navigation auch unter Bedingungen, bei denen GNSS-Signale gestört oder blockiert werden. Damit soll das Fahrzeug nicht ausschließlich von einer funktionierenden Satellitennavigation abhängig sein, ein wichtiger Aspekt für Einsätze in einem elektronisch umkämpften Umfeld. Der Verwundete wird dabei in einer speziellen Patiententransportbox aufgenommen.
Phase 3: Medizinische Überwachung während des Transports
Die Patient Transport Box bildet das medizinische Zentrum des Systems. Sie verfügt über verschiedene Sensoren zur kontinuierlichen Überwachung des Patienten sowie über einen robotischen Arm, der bestimmte medizinische Maßnahmen autonom beziehungsweise ferngesteuert durchführen kann.
Dazu gehören unter anderem:
- die Verabreichung von Medikamenten über Autoinjektoren,
- die Behandlung eines Spannungspneumothorax,
- das Anlegen eines intelligenten Tourniquets zur Blutungskontrolle.
Zur Diagnostik stehen weitere Sensoren zur Verfügung. Dazu zählen ein 3D-Körperscanner, CBRN-Sensoren zur Erkennung chemischer, biologischer, radiologischer und nuklearer Gefahren, eine diagnostische Kamera, ein Blutdetektor sowie ein Sensor zur Erfassung von Augenbewegungen.
Die während des Transports gewonnenen medizinischen Daten werden in Echtzeit an einen entfernten Arzt übertragen. Dieser muss invasive medizinische Eingriffe autorisieren. Gleichzeitig können Vitaldaten automatisch an Führungs- und Kontrollstellen sowie an medizinische Behandlungseinrichtungen übermittelt werden. Damit soll eine medizinische Beurteilung bereits während der Evakuierung ermöglicht werden, ohne dass sich ein Arzt unmittelbar am Verwundeten befinden muss.
Phase 4: Weitertransport aus der Gefahrenzone
Die letzte Stufe der demonstrierten Rettungskette beginnt am sogenannten Casualty Collection Point (CCP). Dort wird die Patiententransportbox vom Bodenfahrzeug auf das unbemannte Luftfahrzeug Grille UAV umgeladen. Die elektrisch angetriebene Drohne ist für den anschließenden Transport zu einer medizinischen Einrichtung vorgesehen. Der Grille verfügt laut iMEDCAP über eine maximale Nutzlast von 175 Kilogramm und eine Reichweite von bis zu 50 Kilometern. Für die Einsatzvorbereitung sollen zwei Personen rund 15 Minuten benötigen.
Damit entsteht eine mehrstufige Evakuierungskette: Eine Drohne findet den Verwundeten, ein autonomes Bodenfahrzeug übernimmt die Bergung, während des Transports erfolgt die medizinische Überwachung und Behandlung, bevor ein UAV den Patienten schließlich zur medizinischen Einrichtung weiterfliegt.
Weniger Personal im unmittelbaren Gefahrenbereich
Der wesentliche Ansatz von iMEDCAP besteht nicht lediglich darin, einzelne militärische Fahrzeuge oder Drohnen zu automatisieren. Entscheidend ist vielmehr die Verknüpfung mehrerer autonomer Systeme zu einer durchgängigen Rettungskette. Dadurch könnte künftig ein Teil der Aufgaben übernommen werden, die heute Sanitäts- und Rettungskräfte unter erheblichem Risiko durchführen müssen.
Die Demonstration bei „Vigorous Warrior 2026“ zeigt damit einen möglichen nächsten Schritt in der militärischen Verwundetenversorgung: Nicht der Verwundete muss zwingend auf einen Sanitäter warten, autonome Systeme könnten den Verwundeten erreichen und die medizinische Versorgung bereits während der Evakuierung beginnen.



