Der italienische Luft- und Raumfahrtkonzern Leonardo hat den milliardenschweren britischen Auftrag für das Programm „New Medium Helicopter“ (NMH) erhalten. Das UK Ministry of Defence bestätigte am 2. März die Bestellung von 23 Militärhubschraubern des Typs AW149 mit einem Gesamtvolumen von rund einer Milliarde Pfund.
Modernisierung der britischen Hubschrauberflotte
Mit dem NMH-Programm ersetzt Großbritannien die alternden Airbus Puma HC2 der Royal Air Force. Die neuen AW149 sollen zudem Aufgaben übernehmen, die bisher von weiteren Mustern geflogen wurden, darunter Agusta-Bell AB412, Agusta-Bell AB212 und Airbus AS365 N3 Dauphin.
Das 2022 gestartete Beschaffungsprogramm war ursprünglich umkämpft. Neben Leonardo beteiligten sich auch Airbus Helicopters mit dem Modell H175M sowie Lockheed Martin mit dem S-70M Black Hawk. Beide Wettbewerber zogen sich jedoch 2024 zurück, nachdem sie die wirtschaftlichen und industriellen Anforderungen der Ausschreibung unter den damaligen Marktbedingungen als nicht erfüllbar einstuften. Leonardo blieb daraufhin als einziger Bieter im Verfahren.
Politische Entscheidung unter Zeitdruck
Die Entscheidung fiel buchstäblich in letzter Minute: Das Angebot von Leonardo wäre am 1. März ausgelaufen. Ein geplanter Besuch von Verteidigungsminister John Healey zur offiziellen Verkündung musste zunächst verschoben werden, da die endgültige haushaltspolitische Freigabe noch ausstand. Medienberichten zufolge griffen schließlich Premierminister Keir Starmer und Finanzministerin Rachel Reeves ein, um den Vertragsabschluss sicherzustellen. Aus Regierungskreisen hieß es, nationale Sicherheit und wirtschaftliches Wachstum seien untrennbar miteinander verbunden.
Die britische Regierung hatte die Entscheidung zuvor mehrfach verschoben, um sie in eine umfassendere Verteidigungsinvestitionsstrategie einzubetten. Angesichts wachsender geopolitischer Spannungen hat Premierminister Starmer eine schrittweise Erhöhung der Verteidigungsausgaben angekündigt.

Yeovil wird globales Kompetenzzentrum
Gefertigt werden die neuen Hubschrauber im Leonardo-Werk in Yeovil. Der Standort gilt als letzte verbliebene militärische Hubschrauberfabrik Großbritanniens und beschäftigt rund 3.000 Menschen. Insgesamt hängen nach Unternehmensangaben mehr als 12.000 Arbeitsplätze in der nationalen Lieferkette von dem Auftrag ab.
Die Regierung erklärte, mit dem Vertrag werde Großbritannien zum globalen Zentrum für Leonardos militärische Hubschrauberproduktion und -exporte. In den kommenden zehn Jahren rechnet das Unternehmen mit Exportchancen im Umfang von bis zu 15 Milliarden Pfund.
Tradition und industriepolitische Signalwirkung
Das Werk in Yeovil blickt auf eine über hundertjährige Geschichte zurück: 1915 begann dort unter dem Namen Westland Aircraft die Produktion. Seit den 1950er-Jahren liegt der Schwerpunkt auf Hubschraubern; zuletzt wurden dort unter anderem AgustaWestland AW101 Merlin und AgustaWestland AW159 Wildcat gefertigt.
Die Gewerkschaft Unite the Union begrüßte die Vergabe als wichtigen Erfolg für die britische Luft- und Raumfahrtindustrie. Generalsekretärin Sharon Graham kritisierte jedoch die lange Hängepartie bis zur endgültigen Entscheidung und forderte rasche Klarheit über weitere Verteidigungsprojekte.
Mit dem NMH-Auftrag setzt London ein starkes industriepolitisches Zeichen: Die Modernisierung der Streitkräfte wird gezielt mit dem Erhalt und Ausbau nationaler Schlüsselkompetenzen in der Rüstungsproduktion verknüpft.



